MTB-Transalp 2019 – Meine Erfahrungen und Eindrücke

Jetzt ist es schon gut ein ganzes Jahr her, seit dem ich mich meiner bis dato größten sportlichen Challenge gestellt habe. Eine Alpenüberquerung mit dem Mountainbike, die mich nachhaltig in vielerlei Hinsicht geprägt hat. Für viele Mountainbiker ist es die Krönung im Laufe der eigenen Mountainbike-Karriere ein mal mit dem eigenen Bike die Alpen zu bezwingen. Jetzt möchte ich einmal meine Erfahrungen und Eindrücke niederschreiben.

Die Vorbereitungen für den Alpencross

Eine Alpencross ist natürlich kein gewöhnlicher Urlaub, wie man ihn beispielsweise am Strand verbringt. Einen Alpencross muss man auf ganz vielen Ebenen anders vorbereiten und vllt sogar auch intensiver, als so manch anderen Urlaub. Alles beginnt jedoch mit ein paar zentralen Fragen, die man im Vorfeld beantworten sollte. Möchte ich mit oder ohne Guide fahren und wie hart soll die Tour werden? Die Schwierigkeit bemisst sich im wesentlichen nach zwei Faktoren. Die Höhenmeter und die Strecke. Letztlich haben sich mein Kumpel und ich auf eine geführte Alpenüberquerung über den Anbieter Multicycletours entschieden. Dieser bietet verschiedene Schwierigkeitsstufen, die man bei der Buchung wählen kann. Für mich war es allerdings schwierig das genau einzuschätzen. Im Flachland fuhr ich auf einer Tour immer so um die 400 Höhenmeter. Jetzt sollten es allerdings im Durchschnitt plötzlich 1400 Höhenmeter pro Tag werden! Dank der Möglichkeit während der Tour in eine schwächere Gruppe zu wechseln, habe ich mich erstmal für die schwerste Variante entschieden. Nach der Buchung gingen die Vorbereitungen los.

Das Bike checken lassen ist unverzichtbar

Man darf eins nicht vergessen: Mountainbiken ist gefährlich! Spätestens dann, wenn man nachlässig diesen Sport betreibt und vor allen Dingen wird er noch gefährlicher, wenn Rettung nicht sofort zur Stelle ist. Das Mountainbike ist ein Produkt höchster Ingenieurskunst, jedoch hat auch dies unzählige Verschleissstellen, die man vorher unbedingt checken sollte. Das Bike wird auf einer Alpentour im Höchstmaß beansprucht, so dass es vor Antritt der Reise einem genauen Check-Up unterzogen werden sollte. Sind die Dämpfer in Ordnung, wie schauen die Bremsen aus und und und… Ohne einem sicheren Gefährt, kann eine Abfahrt auf Wurzeln und Trails zum Fiasko werden. Aus diesem Grund bin ich mit meinem Bergamont Trailster natürlich zu einer fachkundigen Werkstatt gegangen, die mein Bike auf Herz und Nieren geprüft hat. Das gab mir erstmal ein gutes Gefühl.

Die eigene Fitness

Neben meinem Bike habe ich mich selbst auch einmal durchchecken lassen. Da mein Arzt Sportmediziner und selbst Mountainbiker ist, habe ich mich für ca. 120 Euro einem Fitnessstest unterzogen. Doch im Kern wollte ich sichergehen, dass ich mich den zu erwarteten Belastungen aus gesundheitlichen Aspekten unterziehen kann. So wurde also das Herz und die Lunge untersucht und ich durfte auf dem Ergometer strampeln. Die Organe waren in Ordnung, aber meine Fitness ausbaufähig 🙂 Also musste ich mehr Sport machen.

Mentale Vorbereitung

Aus meiner Sicht ein ebenso wichtiger Aspekt. Eine Alpenüberquerung ist ein Kraftakt. Wenn man die Höhenmeter und Kilometer im Vorfeld liest, dann sind das für jemanden, der noch nie eine Alpenüberquerung gefahren ist erstmal grundsätzlich Zahlen, die aber mit einem etwas machen. Ich habe mich immer gefragt, was passiert wenn ich das nicht schaffe. Was ist, wenn ich aufgeben will. Wie komme ich aus der Wildnis raus. Mein Weg war, diese Zweifel in einen starken Willen umzuwandeln. So fing ich an, lange vor der Alpenüberquerung meine Ernährung umzustellen und abzunehmen. Jedes Gramm Gewicht zählt auf dem Bike. Darüber hinaus bin ich regelmäßig joggen gegangen, um meine schlecht attestierte Fitness zu verbessern. Und natürlich biken, biken, biken. Das hat am Ende dazu geführt, dass ich der Herausforderung relativ entspannt begegnet bin.

Neben diesen zentralen Punkten gibt es natürlich noch weitere Dinge, die man mitnehmen sollte. Allerdings möchte ich da drauf jetzt nicht im Detail eingehen. Es soll ja ein Reisebericht werden :).

Tag 1 der Alpenüberquerung

Der große Tag ist gekommen. Wir sind einen Tag zu vor in Füssen angekommen und haben sehr gut in unserer AirBNB Unterkunft geschlafen. Umgeben von Bergen war der morgen und das Aufwachen schon das erste Highlight. Wir sind zu dem Treffpunkt von Multicycle gefahren und haben dort erstmal kräftig gefrühstückt. Danach ging es zu dem Parkplatz, wo auch schon langsam die anderen Tour-Teilnehmer eintrudelten.

 

Sobald alle da waren ging es dann auch los. Nach einer kurzen Einweisung zum Thema Verhaltensregeln etc. machten wir uns am ersten Tag auf nach Imst. Der erste Tour-Tag hat begonnen und die Kette schnatterte rund 8 Stunden lang vor sich. Nach ca. 15 min einrollen wartete auch schon der erste Anstieg. Und nach 15 Min dachte ich das erste Mal, was hab ich getan… Es ging hoch zum Schloss Neuschwanstein, welches mich aber schon relativ schnell nicht interessierte, da ich mit dem ersten Berg gekämpft habe. Der hatte nämlich direkt schon 500 Höhenmeter und es warteten für den Tag noch rund 1.000 auf mich. Vorbei an fotografierenden Chinesen wurde es relativ schnell idyllisch. Wir kamen an einer ersten Berghütte vorbei und fuhren weiter. Nach ca. 8 Stunden und am späten Nachmittag waren wir dann am ersten Etappenziel. 

Ein sichtlich erschöpfter Sebastian war froh endlich am Ziel angekommen zu sein. Meine Beine krampften am Abend natürlich. Fazit des ersten Tages: Was für eine Wucht. Sowohl die Anstrengung als auch die Eindrücke des Alpenpanoramas. Am Abend bin ich zum Guide gegangen und habe mich in die schwächere Gruppe versetzen lassen. Schließlich wollte ich die Tour ein wenig genießen und mich nicht durch die Alpen hetzen. In meiner Gruppe waren Leute dabei, die einfach top-fit waren. Ein Mithalten wäre mir einfach zu stressig gewesen. 

Tag 2 der Alpenüberquerung

Völlig am Ende und immer noch extremst überrascht von der Anstrengung klingelte gegen 7 Uhr morgens mein Wecker. Frühstück war angesagt um gegen 8 wieder ready to fight auf dem Bike sitzen zu können. Es war ein verregneter Sonntag morgen als wir uns Richtung Ischgl auf gemacht haben. Hier zeigte sich schon die erste schlechte Vorbereitung. Ich hatte keine guten Regensachen dabei, so dass ich mit kurzer Hose durch Wind und Wetter gefahren bin. Diese Art der Ausrüstung sollte sich später noch weiter rächen Aber das war mir jetzt auch scheiss egal. 😀 Die ersten Kilometer waren verglichen zum gestrigen Tag etwas lockerer. Es gab mehr Kilometer zum Einrollen, was mir meine Beine sehr gedankt haben. 

 

In Landeck folgte dann der erste große Anstieg des Tages. Über Serpentinen ging es dann stetig nach oben. Die Beine waren wieder warm gestrampelt und so langsam hatte ich meinen Rythmus. Nun zersprengte sich die Gruppe auch zunehmend bzw. trennte sich in verschiedene Felder auf. Die guten und schnellen Kollegen fuhren logischerweise weit vorne und die schwächeren Teilnehmer natürlich dann eher hinten. Ich lag eher hinten. Irgendwann hab ich was interessantes festgestellt, denn so langsam setzte ein meditativer Prozess bei mir ein. Man macht ja nix anderes außer treten und atmen. Irgendwie wurde es mir nachher egal, ob ich überholt werde oder ob ich jemanden überhole. Was zählt ist das eigene Tempo und sich nicht stressen zu lassen. Irgendwann hab ich auch nicht mehr darüber nachgedacht, wann der Berg endlich zu Ende ist, sondern habe immer nur bis zur nächsten Kurve gedacht. Keine Ahnung was danach folgte. Ich hab mich überraschen lassen und dachte mir, egal wie steil es wird, einfach weiter radeln. Irgendwann ist auch mal der höchste Berg erreicht. Ein interessantes Learning für mich, welches ich mir auch für berufliche Herausforderungen zu eigen gemacht habe. Mach aus einem vermeintlich großen Berg viele kleine Hügel. Denk in Serpentinen. 

 

 

Nach ein paar Stunden und gut 60 KM weiter kamen wir dann langsam Ischgl näher. Ein schöner idyllischer Ort, der wohl unter den Skibesuchern ein bekannter Partyort ist. Kann man sich im Sommer kaum vorstellen. Am Abend gab es dann erstmal ein ausgiebiges Saunabad, was eine Wohltat war. Sowohl für die Beinmuskeln als auch für die Seele. 

Tag 3 der Alpenüberquerung

Und wieder klingelt pünktlich um 7 Uhr der Wecker und ich dachte mir, warum kann ich nicht einfach liegen bleiben. Schließlich hat man doch URLAUB! Ach ja richtig, ich will die Alpen ja überqueren… Also aufstehen und ab zum Frühstück. Danach gehts dann direkt wieder in die Fahrradklamotten um pünktlich um 8 wieder auf dem Bike zu sitzen. Am Abend zuvor hat uns unser Guide die Tickets für die Seilbahn ausgehändigt. Es geht nämlich jetzt hoch auf über 2.738 Meter. 

Und hier, wie eben angedeutet, rächt sich mal wieder meine Ausrüstung. Oben angekommen hat mich das Wetter im wahrsten Sinne eiskalt erwischt. Der Anblick von Schnee hat dann auch noch optisch zu den gefühlten Temperaturen sehr gut gepasst. In kurzer Hose saß ich dann bei Plus 2 Grad und Böen auf dem Gipfel und wollte eigentlich nur noch runter 😀 Das Panorama entschädigt aber alles Mühen und Schmerzen bis hier hin. 

Von nun an, geht es nur noch runter (erstmal). Das Etappenziel ist S-Scharl. Ich habe bis heute keine Ahnung wie man das richtig ausspricht. Es ist ein kleines idyllisches Dörfchen mitten in einem Schweitzer Nationalpark. Da kommen wir also heute an. Ich habe mich sehr auf die Abfahrt gefreut, da ich sehr gerne Downhill fahre. Die Vorfreude auf die Abfahrt wurde extrem bestärkt, nach dem ich wie geschrieben wusste, wie kalt es oben auf dem Gipfel war. Die Abfahrt war allerdings nicht ohne und verleitet zu einem „zu schnellem“ fahren. Schotterwege sind eben Schotterwege und da kann der Schlappen noch so dick und breit sein, irgendwann verliert auch er die Haltung. Also hier zahlen sich gute Bremsen aus und ich habe mich in dem Moment auf den Werkstatt-Mensch verlassen, der den Prügel vorher noch gecheckt hat. Ein Mitstreiter war leider zu schnell und ist vom Weg abgekommen. Er wusste zwar für ein paar Sekunden nicht mehr wo er war, aber den Heli haben wir zum Glück nicht rufen müssen. Hier zeigte sich jedoch noch mal erneut. Habe Respekt vor dem was du tust. Nach einer kurzen Zwangspause konnten wir weiter fahren. Allerdings hatten wir in der Gruppe einen gebrochenen Helm.

Der nächste lange Anstieg kam dann auf der Zielgeraden Richtung S-Scharl. Ca. 20 Km stetig bergauf, mal wieder bergab und wieder bergauf. Gefühlt aber eher bergauf umgeben von einem unfassbar schönen Panorama. Hier wird das Durchhaltevermögen wirklich auf die Probe gestellt. Und es kündigte sich ein nächstes Problem für mich an, was mal wieder auf meine schlechte Ausrüstung zurückzuführen ist 😀 Ich merkte so langsam, dass mein Gesäß anfängt zu schmerzen und so langsam rieb ich mir die Haut durch die Radhose auf, was wirklich schmerzte. So wurde jeder Kilometer zu einer Qual. 

Am Nachmittag kamen wir dann in dem besagten Örtchen an, welches aus gefühlt 15 Häusern bestand. Extrem schön, ruhig und einfach eine andere Welt, wo die Uhrzeit kaum eine Rolle spielt.

Natürlich gab es auch hier nach einer erneut fordernden Etappe eine gute Verpflegung in dem urigen Restaurant. Und was hier hier gar nicht erwartet habe war ein umfassbares gemütliches Wellness-Center mit Sauna. 

 

Tag 4 der Alpenüberquerung

Und täglich grüßt das Murmeltier. Der Wecker klingelt und der 4. Tag der Alpenüberquerung bricht an und es geht nach Livigno. Das erste italienische Etappenziel. Zwischen Es trennen uns ca 50 Km und 1.500 Höhenmeter, die es heute zu beißen gilt. Da ich mir auf der Etage eine Dusche mit einem weiteren Teilnehmer der Gruppe teilen musste und er sie gerade belegt hatte, bin ich einfach im Wellness-Bereich duschen gegangen. Hatte dann einfach den Vorteil, dass ich dann eine Regendusche nutzen durfte. Danach ging es an das üppige Frühstücksbuffet mit Alpenblick. Einfach Wahnsinn. Wenn jeder Tag so starten könnte 😀

Nach einem kurzen Bikecheck ging es dann los und wir fuhren ein gutes Stück über eine Hochalm Richtung Tschierv. Grün soweit das Auge reicht mit immer wieder emporsteigenden Massiven. Einfach unglaublich. Die Probleme und Herausforderungen in der Heimat waren nicht nur physisch weit weg, sondern waren hier auch gefühlt einfach nicht mehr da. 

Weiter ging es nach Valdidentro wo wir auf einer Hochalm eine ausgiebige Rast eingelegt haben. Der Veranstalter hat für die Teilnehmer am selbigen Tag ein Verpflegungspackage zusammen gestellt, was wir dann auf unserer Rast im Rahmen eines Picknicks verzehrt haben. Die Aussicht war einfach beispiellos. Am Abend kamen wir dann wie geplant in Livigno an.

 

Tag 5 der Alpentour

Es geht nach Maloia und es wird wieder hoch-alpin. Aber dieses Mal ohne Gondel. Mein Gesäß ist mittlerweile Wund gesessen und ich habe mich dazu entschieden, mich mit dem Gepäckbus zum ersten Rastpunkt fahren zu lassen, wo ich ca. 2 Stunden auf die anderen gewartet habe. Ich habe dem ganzen Ruhe gegönnt, weil es sich echt angefühlt hat, als ob man auf Schmirgelpapier sitzt. Nach dem die anderen angekommen sind haben wir erstmal in dem hiesigen Kaffee einen guten italienischen Espresso mit feinem Gebäck konsumiert. Danach ging es dann via Anstieg und Trails in die Hochalpen. 

 

 

Das war mit unter die beste und atemberaubendste Aussicht, die ich erleben durfte. Jeder Tourabschnitt hat bis hier seine eigenen Facetten und Schönheiten dargeboten, aber die Eindrücke, die ihr leider nur ansatzweise sehen könnt haben alles übertroffen.

 

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